Aachener Zeitung vom 31. Juli 2026

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Freitag, 31. Juli 2026
Alsdorf • Baesweiler • Herzogenrath • Würselen
Wenn der Hund plötzlich die Zähne fletscht
In Bremen ist jetzt ein Hundeführerschein zur Pflicht geworden, wenn man sich einen Vierbeiner zulegt. In NRW ist das nicht der Fall. Wie Hundeschulen im Nordkreis das bewerten.

VON GÜNTHER VON FRICKEN

Bremen hat als erstes Bundesland in Deutschland in diesem Sommer eine allgemeine Hundeführerschein-Pflicht für neue Hundehalter eingeführt. Was konkret bedeutet: Wer sich einen Hund anschafft, muss dort künftig seine Sachkunde nachweisen – zunächst in einer theoretischen und später in einer praktischen Prüfung.
In Nordrhein-Westfalen hingegen ist ein Sachkundenachweis nur für Hundehalter vorgeschrieben, deren Tiere der 20/40-Regel entsprechen. Dazu gehören ausgewachsene Hunde mit einer Schulterhöhe über 40 Zentimeter oder einem Gewicht von mindestens 20 Kilogramm. Bei kleineren Hunden ist ein Test freiwillig. Sollte ein Hund als „gefährlicher Hund“ gelten, so muss dieser mit seinem Besitzer einen Wesenstest bewältigen. Dabei werden Gehorsam, Charakter und das Verhalten abgefragt.
Was sagen Fachleute im Nordkreis zum Vorstoß in Bremen?

„Ich finde es grundsätzlich schwierig, dass es in Deutschland je nach Bundesland unterschiedliche Regeln gibt“, sagt Stephanie Dupont, Inhaberin einer Hundeschule in Herzogenrath. „Verantwortung für einen Hund endet schließlich nicht an einer Landesgrenze. Unterschiedliche Vorgaben sorgen nicht nur bei Hundehaltern für Unsicherheit, sondern erschweren auch uns Hunde Trainern eine einheitliche Aufklärung und Beratung.“
Aus ihrer Sicht sollte der Fokus weniger auf der Größe eines Hundes liegen. „Natürlich kann ein großer Hund körperlich mehr Schaden anrichten. Doch in meiner täglichen Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Herausforderungen im Zusammenleben meist nicht an der Schulterhöhe eines Hundes entstehen, sondern an fehlendem Wissen über Hundeverhalten, Kommunikation und Bedürfnisse. Ein kleiner Hund kann genauso unter einer unpassenden Haltung leiden oder Verhaltensauffälligkeiten entwickeln wie ein großer“, sagt sie.

„Ziel aller Prüfungen, so erklärt Marion Frensch, die in Alsdorf eine Hundeschule betreibt, solle es an Ende sein, dass Hunde Besitzer ihre Fähigkeiten als verantwortungsvolle Halter bestätigen. Das bedeutet auch, dass man sich schon vom Kauf mit Haltung Erziehung und Verantwortung für einen künftigen Vierbeiner auseinandersetzen muss.
Für Marion Frensch ist ein Hundeführerschein zwar keine schlechte Idee, aber sie weiß nicht, ob sich damit die allgemeine Situation verbessern. Denn eine solche Prüfung bedeute nicht gleichzeitig, dass nichts mehr passieren könne. Viel wichtiger sei es deshalb, den Hund und sein Verhalten zu verstehen. In der Umsetzung gesetzlicher Vorgaben zu bedenken sei auch, so fügt sie hinzu, dass durch einen Hundeführerschein zusätzliche Kosten entstehen und Hunde durch die Behörden schwierig auf einen Prüfungsstatus hin zu kontrollieren seien.
Wobei es grundsätzlich natürlich nie schlecht sei, sich zusätzliches Wissen anzueignen. Die Antworten auf die Fragen zur theoretischen Prüfung aber könne man schlicht auswendig lernen, und am Ende bedeute eine bestandene Prüfung dann nicht unbedingt, dass man tatsächlich mit einem Hund umgehen könne. Sie nennt ein konkretes Beispiel aus der täglichen Arbeit: Wenn ein Hund beim Gassigehen aggressiv wird, die Zähne fletscht oder andere Hunde anbellt, könne man das schon voran bestimmten Signalen erkennen. „Zum Beispiel durch seine Blicke und die Körperhaltung“, erklärt sie. Und dann sei die richtige Reaktion des Hundehalters gefragt, um eine Konfrontation zu vermeiden. Entscheidend sei am Ende, dass das Wissen nicht nur für eine Prüfung gelernt, sondern im Alltag gelebt werde. Stephanie Dupont hält einen verpflichtenden Sachkundenachweis – insbesondere für Ersthundehalter – für sinnvoll. Wer sich um ersten Mal einen Hund anschaffe, solle grundlegendes Wissen über Körpersprache, Lernverhalten, Bedürfnisse und Verantwortung mitbringen. „Das schützt nicht nur Menschen, sondern vor allem die Hunde“, betont sie. Als Hundetrainerin erlebe sie täglich, dass viele Verhaltensprobleme nicht ihre Ursache beim Hund haben. „Viel häufiger entstehen sie durch Missverständnisse zwischen Mensch und Hund. Hunde kommunizieren permanent – wir müssen nur lernen, ihre Sprache zu verstehen“, sagt sie weiter. „Ein Hund braucht keinen perfekten Menschen – aber einen Menschen, der bereit ist, ihn ein Leben lang zu verstehen und von ihm zu lernen“, ergänzt sie.

„Anna-Maria Barten, die in Würselen eine Hundeschule betreibt, befürwortet einen bundesweit einheitlichen Hundeführerschein für alle Hundehalter – unabhängig von Größe, Rasse oder Gewicht des Hundes. „Denn verantwortungsvolle Hundehaltung beginnt nicht erst ab einer bestimmten Schulterhöhe. Auch kleine Hunde können Ängste entwickeln, Menschen oder andere Tiere gefährden und durch fehlende Erziehung in problematische Situationen geraten“, sagt sie. Gleichzeitig seien große Hunde nicht automatisch schwieriger oder gefährlicher. Entscheidend seien vielmehr die Sachkunde des Menschen, ein verantwortungsbewusster Umgang und ein alltagstaugliches Training.
„Ein sinnvoll gestalteter Hundeführerschein sollte deshalb nicht als Schikane oder zusätzliche Belastung verstanden werden. Er bietet vielmehr die Chance, grundlegendes Wissen über Körpersprache, Lernverhalten, Bedürfnisse, Haltung und Gesundheit des Hundes zu vermitteln“, so Anna-Maria Barten. Ebenso wichtig wäre für sie der praktische Teil und damit die Antworten auf Fragen wie: Kann der Halter seinen Hund sicher durch den Alltag führen, ihn in Begegnungssituationen kontrollieren und frühzeitig erkennen, wann der Hund gestresst oder überfordert ist?
Für besonders wichtig hält sie eine solche Prüfung für Ersthundehalter, für Menschen, die einen Hund mit auffälligem oder aggressivem Verhalten übernehmen, und für Halter von Hunden, bei denen aufgrund ihrer Kraft oder ihres Gewichts im Ernstfall ein erhöhtes Verletzungsrisiko besteht.